Winterkindheit

Der Winter war eine märchenhafte Zeit. In der Erwartung von Weihnachten wurde gebastelt und gebacken und man verbrachte die Abende mit der Familie zu Hause. Draußen war es dunkel und geheimnisvoll, denn man beleuchtete die Häuser noch nicht. Und um so gemütlicher erschien einem die nur von Adventskerzen erleuchtete Küche, in der man sich zusammenfand, um Geschichten zu erzählen, Nüsse zu knacken und Äpfel zu verzehren. Die Küche war der einzige beheizte Raum im Haus. Ins kalte Bett ging es nur mit Wärmflaschen aus Kupfer, die so heiß waren, dass man sie mit Tüchern umwickeln musste.

Es gab oft recht viel Schnee im Wald. Kam ich vom Schlittenfahren zurück mit eiskalt gefrorenen Zehen, mussten die Füße zuerst schmerzhaft am Küchenofen auftauen. Im Nachhinein wundere ich mich, dass uns erlaubt wurde, mit dem Schlitten in den Wald zu ziehen. Es gab dort einen so genannten „Hexenbuckel“, auf dem man rodeln konnte. Ich weiß heute jedoch nicht mehr, wo die Stelle liegt.

Von allen Wintermärchen liebte ich am meisten Die Schneekönigin von Hans Christian Andersen.

Ein Ausschnitt:

Die Fenster waren oft ganz zugefroren; aber dann wärmten sie Kupferschillinge auf dem Ofen und legten den warmen Schilling gegen die gefrorene Scheibe; dadurch entstand ein schönes Guckloch, so rund, so rund; dahinter blitzte ein lieblich mildes Auge, eines vor jedem Fenster; das war der kleine Knabe und das kleine Mädchen.

Er hieß Kay und sie hieß Gerda. Im Sommer konnten sie mit einem Sprunge zu einander gelangen, im Winter mußten sie erst die vielen Treppen hinunter und die Treppen hinauf; draußen stob der Schnee.

Auch unsere Fensterscheiben zu Hause waren mit Eisblumen verziert, und ich machte es Kay und Gerda mit einem Fünfmark-Stück nach.