Jederzeit ersetzbar?

„Jeder ist ersetzbar.“ Ein Satz, den man häufig hört, wenn Kolleginnen oder Kollegen kündigen. Doch mit derartigen Aussagen kann ich mich nicht anfreunden. Nur wenn wir alle namenlose Rädchen in einer kapitalistischen Maschinerie wären, wäre dies zutreffend. Doch das sind wir nicht. Wir sind Menschen, wir sind Teil einer Gruppe am Arbeitsplatz und sowohl im Team als auch einzeln wertvoll. Mitarbeiter/innen, die sich gut kennen und gegenseitig akzeptieren, arbeiten Hand in Hand und leisten nicht nur auf der Basis des Geschäftlichen, sondern auch auf der Grundlage funktionierender sozialer Beziehungen Gutes.

Nimmt man ein Rädchen aus einer Maschine, kann dieses Rädchen schnell und einfach durch ein Ersatzteil ersetzt werden. Nur ein Handwerker mit entsprechender Materialkenntnis ist nötig. Nimmt man jedoch einen Menschen aus einem Team heraus oder entscheidet ein Mensch, sich zu gehen, so entsteht eine durch nichts zu ersetzende Lücke. Es bedarf großen Einfühlungsvermögens des Teamleiters und grundlegendes Wissen um die Fähigkeiten und Charaktere einzelner Mitarbeiter/innen, um eine solche Lücke durch eine Neueinstellung ausreichend gut zu füllen. Nicht umsonst gibt es hierfür ausgebildete Personalreferent/innen.

Es wird wohl auch Geübten niemals ganz gelingen, eine/n Teamkolleg/in zu ersetzen, denn beim Weggang Einzelner geht nicht nur jahrelang erarbeitetes Wissen um Arbeitsabläufe und Zusammenhänge in einer Firma verloren. Auch die Beziehungen im verbleibenden Team werden empfindlich gestört. Denn oft sind jahrelange Freundschaften entstanden.

Hinzu kommt, dass das gesamte Team sich nach der Ankunft neuer Kolleg/innen neu sortieren muss, aus der Routine gerissen wird und unter Umständen der Einzelne neue Aufgaben übertragen bekommt. Kurzum: Alles ist neu, alles ist anders, die bisher so vertraute Arbeitswelt kann befremdlich und irritierend wirken. Verständlich, dass eine Kündigung – wenn auch längerfristig – oft weitere nach sich zieht, und Anlass gibt, über eigene Positionen nachzudenken. Das geschieht vor allem dann in der Folge, wenn neue Mitarbeiter/innen eingestellt werden, die anderen den Rang ablaufen möchten oder die „Welt neu erfinden wollen“.

Der Satz „Jeder ist ersetzbar“ ist meiner Meinung nach unmenschlich und sollte definitiv so nicht verwendet werden. Er dient in der Regel ja nur dazu, den Schock über eine Kündigung zu verarbeiten und Gefühle, die mit einem Abschied einhergehen, zu verdrängen. Teamleiter und Chefs wären gut beraten, die Einzigartigkeit und die wertvollen Kenntnisse ihrer Mitarbeiter/innen nicht nur während deren Mitarbeit, sondern auch bei deren Weggang wertzuschätzen.

Die Verbleibenden sollten gestützt und gleichzeitig in einer Weise geleitet und geführt werden, die motivierend und stärkend wirkt. Sicherlich bieten Veränderungen auch die Chance, neue Wege einzuschlagen. Vielleicht kann nun über Arbeitszeiten, Arbeitsdauer, Gestaltung von Home-Office-Möglichkeiten u.a. nachgedacht werden, um einen optimistischen Weg in die Zukunft einer Firma anzugehen.