Genealogie

Genealogie ist mein Hobby. Familiengeschichten, historische Erzählungen und Chroniken haben mich schon sehr früh interessiert. Bereits als Kind habe ich mit großem Interesse den Berichten von Verwandten zugehört und später aufgeschrieben, was auf Familientreffen erzählt worden war. Bereits im Alter von zwölf Jahren notierte ich akribisch, was meine Großmutter mütterlicherseits von ihrer Familie erzählte. Ich legte Ordner mit Blättern und Karteikarten für jede Person an und schrieb sämtliche Daten und Verwandtschaftsbeziehungen auf.



Doch hatte ich zu dieser Zeit noch keinerlei Wissen über geschichtliche Zusammenhänge der Region. Ich wusste nichts von hugenottischer Zuwanderung in den Ort, in dem ich geboren bin, über die Zugehörigkeit zu Fürstentümern oder den Dreißigjährigen Krieg. Als Kind ging es mir an erster Stelle um meine eigene Abstammung von Bauern und Fährbetreibern und um die Lebensgeschichten meiner nahen Verwandten. Die mir durch Geburt und Heranwachsen unmittelbar vertraute Lebenswelt wurde angereichert durch Erzählungen, Sprache und Verhaltensweisen des biedermeierlich gefärbten Umfelds meines aus Pommern stammenden (angeheirateten) Großvaters der mütterlichen Linie und in Spannung gesetzt zu einer fernen böhmischen Welt der Porzellanmaler und Bergleute, aus der meine Großeltern väterlicherseits stammten. Ihre Geschichten festzuhalten, fand ich spannend.


Saß ich als Teenager noch im Keller des Pfarrhauses und blätterte in den Original-Kirchenbüchern, so steht heute eine Fülle an Möglichkeiten zur Verfügung, die Familienforschung voranzutreiben. Das Internetzeitalter veränderte die Forschungslandschaft. Online-Datenbanken ermöglichen, Daten für den Raum Böhmen bequem zu Hause zu sammeln, und im Vergleich dazu weist die Archivforschung im Bistum Würzburg trotz Digitalisierung eher ins Mittelalterlich-Klösterliche zurück, hat aber gerade deshalb ihren ganz eigenen Reiz. Sorgfältiges wissenschaftliches Arbeiten ist angesichts der online bereit gestellten Datenfülle außerordentlich wichtig. Wiederholte Quellenprüfung ist unabdingbar, um nicht Fehler von Fehlern abzuschreiben.

Als ich vor einigen Jahren beschloss, mich wieder der Familienforschung zu widmen, fand ich im Netz einen Hinweis auf das erstaunliche Werk des Stockstädter Familienforschers Joseph Fecher, der die Kirchenbucheinträge für meinen Heimatort im Zeitraum 1620 und 1900 notiert und veröffentlicht hat. Mir selbst brachte das Buch (hier erhältlich) tiefe Einblicke in eine mir bis dato unbekannte hugenottische Abstammung sowie Informationen über Verwandte in Amerika, die im 19. Jahrhundert dorthin ausgewandert waren. Dazu vermittelte die Lektüre mir, wie eng die verwandtschaftlichen Beziehungen (und damit auch der Genpool) eines Dorfes aufgestellt sind, das sich nach dem Dreißigjährigen Krieg aus wenigen Überlebenden und Zuzüglern neu entwickelte.


Familienforschung ist - so meine ich - nicht nur mit der Vergangenheit verbunden und nicht nur rückwärts gewandt. Viele neue Erkenntnisse und Welten haben sich mir dadurch auch in der Gegenwart eröffnet. Ich erfuhr, warum es für Mitglieder der LDS-Kirche wichtig ist, ihre Vorfahren zu kennen. Ich lernte mehr über historische Ereignisse in der Region und erfuhr Näheres über epigenetische Studien. Ich habe Bücher gelesen, die sich mit den genetischen Zusammenhängen zwischen Menschengruppen und Völkern befassen oder Informationen vermitteln zur Weitergabe mitochondrialer DNA über Jahrtausende hinweg. Oft denke ich, dass es für so manche Heutige, die von Nationen sprechen, nur vorteilhaft wäre zu erfahren, woher die eigenen Gene stammen und mit wem sie selbst genetisch verbunden sind. Die mitochondriale Mutation, auf die viele Europäer sich berufen können, trat beispielsweise vor ca. 10.000 Jahren im Gebiet zwischen der Türkei und Syrien auf, wo damals die ersten Siedler ansässig wurden und Getreide anbauten.

Durch weitreichende Informationen, die die Familienforschung liefern kann, können wir unser Wissen über uns selbst und die Menschheit erweitern. Der fanatische Glaube an unsere Unterschiedlichkeit und an Nationalitäten und Rassen wird dadurch relativiert und gemäßigt. Wir sind letzendlich alle eins und stammen von wenigen gemeinsamen Vorfahren ab. Wir sind alle miteinander verbunden! Und ich freue mich besonders über die vielen regionalen, nationalen und internationalen Kontakte zu anderen Familienforschern und Verwandten, die ich ohne Familienforschung niemals kennen gelernt hätte.